Erinnerungen

Sommerferien

Jetzt habe ich schon so viele Sommer meines Lebens kommen und gehen sehen - und trotzdem sind mir die Sommer meiner Kindheit so überaus lebendig im Gedächtnis.

Sommer - ich bin 10 Jahre alt - und es ist Sommer. Morgens werde ich sehr früh vom Gezwitscher der Vögel geweckt, neben mir schläft meine Schwester noch tief und fest - sie ist erst sieben.

Ein eigenes Zimmer besitze ich nicht, ich werde bis zu meinem 18. Lebensjahr keines haben, aber das stört mich momentan nicht, denn ich habe Ferien, Sommerferien.

Ich stürze aus dem Bett, laufe die Treppe hinunter in die Küche. Meine Mama ist schon auf, sie trinkt Kaffee mit meiner Großmutter, die zu Besuch gekommen ist, weil sie ihrer Tochter behilflich sein will.

Meine Mama ist schön, die schönste Frau der Welt mit ihren schwarzen, dichten Haaren. Sie ist zärtlich, sie ist die zärtlichste Mutter der Welt, sie lächelt viel. Ich liebe sie so unendlich, ich liebe ihr Lachen, ihre sanften Hände. Ich verehre sie. Ich weiß, daß sie mich auch liebt, daß ich der Mittelpunkt des Universums für sie bin.

Mit meiner Großmutter redet sie in einer Sprache, die ich nicht verstehe. Sie lacht viel, sie ist glücklich. Glücklich, obwohl wir arme Leute sind, denn unser Haus ist klein und wir leben auf dem Land.

Ich frühstücke, dann ziehe ich meine Badehose an und verabschiede mich zum Spielen mit den anderen. Ich werde von nun an sechs Wochen lang nur mit einer Badehose bekleidet draußen spielen. Sechs Wochen lang wird die Sonne scheinen, ich werde nußbraun werden, und mein Vater wird diese ewige Sonne verfluchen und um Regen flehen, denn wir leben auf dem Land, und vieles, was wir essen, wächst auf diesem Land und benötigt den Regen.

 Bis man mich zum Mittagessen hereinruft werde ich spielen, dann bis zum Abendessen, dann bis zur Dunkelheit. Wir sind eine Horde von mehr als zehn Kindern, wir alle sind Kinder armer Leute, weil unsere Häuser klein sind und wir auf dem Land leben.

Jeden Tag sechs Wochen lang. Sommerferien.

9.6.07 22:00, kommentieren